Wer in Deutschland Wohnungen bauen will, braucht zuerst Baurecht. Fehlt ein passender Bebauungsplan, dauert das oft Jahre. Genau hier setzt der Bau-Turbo an. Das Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus gilt seit dem 30. Oktober 2025 und erlaubt Kommunen, unter bestimmten Voraussetzungen vom Bauplanungsrecht abzuweichen, ohne einen Bebauungsplan aufzustellen oder zu ändern. Ein Jahr danach hat das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) eine erste Bilanz gezogen.
Was der Bau-Turbo ermöglicht
Kern des Gesetzes ist eine Experimentierklausel im Baugesetzbuch, der § 246e BauGB. Sie ist bis zum 31. Dezember 2030 befristet. Ergänzend wurden zwei bestehende Regeln erweitert:
- Im Geltungsbereich eines Bebauungsplans ist mehr Wohnbebauung möglich, auch über die Festsetzungen hinaus, etwa durch Aufstockung, Anbau oder Bauen in zweiter Reihe (§ 31 Abs. 3 BauGB).
- Im unbeplanten Innenbereich dürfen Wohngebäude auch dann entstehen, wenn sie sich nicht in die Umgebungsbebauung einfügen (§ 34 Abs. 3b BauGB).
In allen Fällen muss die Gemeinde zustimmen, die nachbarlichen Interessen müssen gewürdigt werden und das Vorhaben muss mit öffentlichen Belangen vereinbar sein. Der Bau-Turbo ist also kein Automatismus. Er ist ein Werkzeug, das jede Kommune bewusst einsetzen muss. Weitere Informationen bündelt das Ministerium auf seiner Themenseite zum Bau-Turbo.
Die Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2026
Grundlage der Bilanz ist ein freiwilliges Datenmonitoring für den Zeitraum vom 1. Januar bis 30. Juni 2026. Teilgenommen haben 393 Kommunen. Zusammen meldeten sie 1.624 Vorhaben, unabhängig davon, wie das Verfahren ausging.
- In 72 Prozent der teilnehmenden Kommunen gab es bereits Bau-Turbo-Fälle.
- 57 Prozent der Anträge erhielten die Zustimmung der Gemeinde, 28 Prozent wurden abgelehnt und 15 Prozent waren noch offen.
- Insgesamt wurde 7.892 Wohnungen zugestimmt. Allein auf München entfallen gut 2.100, auf Stuttgart 345 und auf Frankfurt am Main 255.
- 88 Prozent der zugestimmten Wohnungen liegen auf bereits genutzten Flächen, also auf Wohn-, Gewerbe- und Mischflächen, in Leerständen oder auf Brachen. 12 Prozent betreffen ehemalige Grün- oder Landwirtschaftsflächen.
- 73 Prozent der Vorhaben sind Neubauten, 12 Prozent Aufstockungen und 5 Prozent Umnutzungen.
Beim Blick auf die Gebäudetypen zeigt sich ein interessantes Bild. Nach Zahl der Anträge liegen Einfamilienhäuser mit 49 Prozent knapp vor Mehrfamilienhäusern mit 43 Prozent. Gestellt werden die Anträge überwiegend von Privatpersonen. Nach Zahl der zugestimmten Wohnungen entfallen aber rund 84 Prozent auf Mehrfamilienhäuser. Der Bau-Turbo wird also breit genutzt, die meisten Wohnungen entstehen jedoch in größeren Projekten.
Auch die Verteilung über die Gemeindegrößen ist bemerkenswert: Landgemeinden und Kleinstädte sowie Mittelstädte stellen jeweils rund 30 Prozent der erfassten Anträge. Der Bau-Turbo ist demnach kein reines Großstadtinstrument.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Das Ministerium weist selbst darauf hin, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ für ganz Deutschland sind. Die Teilnahme war freiwillig, Großstädte sind unterrepräsentiert und nicht jede Stadt, die den Bau-Turbo nutzt, hat sich beteiligt. Hamburg zum Beispiel fehlt. Die tatsächliche Zahl der zugestimmten Wohnungen dürfte daher höher liegen.
Ebenso wichtig ist eine zweite Einschränkung: Die Zustimmung der Gemeinde ist noch keine Baugenehmigung und schon gar kein Baubeginn. Die 7.892 Wohnungen haben einen wichtigen Schritt geschafft, gebaut sind sie noch nicht. Bundesbauministerin Verena Hubertz rechnet damit, dass die ersten Bau-Turbo-Wohnungen im kommenden Jahr sichtbar werden.
Acht Modellkommunen sollen den Praxistransfer sichern
Damit der Bau-Turbo nicht nur auf dem Papier funktioniert, begleitet das Ministerium acht Modellkommunen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. München will komplexe Wohnungsbauvorhaben beschleunigen, Kiel konzentriert sich auf Nachverdichtung, Frankfurt am Main und Trier auf die Innenentwicklung mit klaren Qualitätskriterien. Rüdersdorf bei Berlin entwickelt klare kommunale Spielregeln, Ratingen ersetzt Planverfahren, Duisburg erprobt vielfältige Anwendungsfälle. Der Landkreis Nienburg/Weser erarbeitet verlässliche Verfahren für 36 Gemeinden im ländlichen Raum.
Fachlich unterstützt wird das Projekt unter anderem vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Ziel ist, Erfahrungen so aufzubereiten, dass andere Kommunen sie übernehmen können. Parallel arbeitet der Bund an einer umfassenderen Novelle des Baugesetzbuchs, dem BauGB-Upgrade, das nach derzeitiger Planung zum 1. Januar 2027 in Kraft treten soll.
Wie die Branche die Bilanz bewertet
In der Bau- und Wohnungswirtschaft wird der Bau-Turbo grundsätzlich begrüßt. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe hält die Einführung für richtig: Wo Städte das Instrument nutzen, entstehe Baurecht deutlich schneller. Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) beziffert die Zeitersparnis bei Bau-Turbo-Verfahren auf rund 13 Monate. Nach seinen Angaben hat bisher aber nur ein kleiner Teil der Wohnungsunternehmen das Instrument konkret genutzt.
Gleichzeitig ist der Tenor eindeutig: Schnelleres Baurecht allein löst die Krise im Wohnungsbau nicht. Baukosten, Zinsen und Förderbedingungen entscheiden darüber, ob genehmigte Projekte tatsächlich umgesetzt werden. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe fordert deshalb einen „zweiten Turbo“ für günstigeres Bauen, etwa durch den Gebäudetyp E und mehr Mittel für die KfW-Förderung. Auch der GdW verweist auf die Finanzierbarkeit, insbesondere im bezahlbaren Segment. Aus Ostdeutschland kommt der Hinweis, dass der Engpass in ländlichen Regionen weniger beim Baurecht liegt als bei der Wirtschaftlichkeit für Investoren.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Bauunternehmen, Planungsbüros und Architekten lohnt es sich, den Bau-Turbo zu kennen und im Gespräch mit der Kommune aktiv anzusprechen, gerade bei Nachverdichtung, Aufstockung oder Bauen in zweiter Reihe. Ob und wie eine Gemeinde das Instrument nutzt, ist allerdings sehr unterschiedlich. Manche Kommunen haben eigene Kriterien oder Leitlinien beschlossen, andere hatten bisher keinen einzigen Fall.
Wer ein Projekt über den Bau-Turbo realisieren möchte, sollte deshalb früh klären, wie die eigene Gemeinde damit umgeht. Ebenso wichtig ist eine belastbare Kalkulation von Anfang an. Ein schnelleres Verfahren verkürzt den Weg zum Baurecht, die wirtschaftliche Frage bleibt aber dieselbe.
Fazit
Der Bau-Turbo kommt in den Kommunen an. Knapp 7.900 zugestimmte Wohnungen in einem halben Jahr, überwiegend auf bereits genutzten Flächen, sind ein erstes positives Signal, auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sind. Genehmigt ist allerdings noch nicht gebaut. Ob aus den Zustimmungen tatsächlich Wohnungen werden, hängt von Baukosten, Finanzierung und Förderung ab. Für die Praxis heißt das: Der Bau-Turbo kann Projekte deutlich beschleunigen, wenn Kommune, Planung und Kalkulation von Anfang an zusammenspielen.
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